Von Ohnmacht und Hexenjagden – Till Amelungs kritische Auseinandersetzung mit Definitionsmacht

Once Upon A Time In Marburg

Vor kurzem ist der von Patsy L‘Amour LaLove herausgegebene Sammelband „BEISSREFLEXE“ erschienen. Bereits nach kurzer Zeit war das Buch im Onlinehandel vergriffen, und zumindest in bestimmten linken Szenen wird es kontrovers diskutiert. Zwischen den schicken Pinken Buchdeckeln befinden sich kritische Entgegnungen auf queerpolitische Diskurse und Praxen, die „aus einer Perspektive, die an die teilweise vergessene oder abgewehrte selbstbewusste Entgegnung von Queer anschließt“ geschrieben sein wollen (so die Verlagshomepage).

So wurde Till Amelung, der Autor des Essays „Moderne Hexenjagd gegen Diskriminierung: Eine kritische Auseinandersetzung mit „Definitionsmacht““, in das kleine Universitätsstädtchen Marburg eingeladen, um dort einen „Themenabend: Aktivismus. Von Definitionsmacht und Selbsthass.“ zu gestalten. Ziel war es, „(f)ür einen differenzierten (Trans*)-Aktivismus“ zu werben. Wenige Tage vor der Veranstaltung wurde der Referent wieder ausgeladen. Diese Vorkommnisse werden in einem Jungle World Artikel skandalisiert. Ein Referent des veranstaltenden AStA-Referats wird dort wie folgt zitiert:

Viele, die sich für linke Themen interessieren, wenden sich ganz schnell wieder von linken Zusammenhängen ab. Ursachen sind sicherlich die zahlreichen Sprechverbote, die Verhaltens- und Meinungsdiktate und die Rigorosität wie mit Inhaltlichen Differenzen umgegangen wird. Die Veranstaltung hätte genau das kritisiert und das Potential gehabt, die unterschiedlichen Communitys im Kampf gegen den Rechtsruck, der uns alle betrifft, zu vereinen.

Im Folgenden wird begründet, warum dies nach Lektüre des „Hexenjagd“-Essays wenig wahrscheinlich erscheint. Außerdem wird geprüft, inwiefern Amelungs Kritik überhaupt einen kritischen Beitrag zu emanzipativer (trans) Politik zu leisten vermag.

Der Gegenstand der Kritik

Definitionsmacht bezeichnet in einem Teil der feministischen Szene den Grundsatz, dass bei einem Übergriff die betroffene Person alleine entscheidet, ob es sich um einen solchen handelt. Es handelt sich dabei um eine Reaktion auf häufige Verharmlosung um und Abwehr des Umgangs mit sexualisierter Gewalt und jahrzehntelange Erfahrungen mit sexistischer Rechtsprechung. Die Unterstützungsgruppe DEFMA schreibt dazu:

Jede Betroffene von sexualisierter Gewalt kann nur für sich selbst sagen, was sie wann als Gewalt empfindet und wie sie diese individuell erlebte Gewalt wahrnimmt. Gewalt wird aufgrund der persönlichen geschichte, Gegenwart und Erfahrung von Betroffenen unterschiedlich erlebt, eingeordnet und eingeschätzt. So kann es zum Beispiel sein, dass ein Übergriff erst nach längerer Zeit von einer Betroffenen als solcher definiert wird – Definitionsmacht verjährt nicht. Das heißt unabhängig davon, wie der sexualisierter Übergrif aussah: Wenn eine Betroffene eine Vergewaltigung oder einen sexualisierten Übergriff so bezeichnet, dann entspricht das genau ihrer Wahrnehmung und ist somit genau als diese Bezeichnung zu akzeptieren.

Ein Gegenpol wäre das bürgerliche Gesetzbuch, in dem genau festgelegt wird, was eine Vergewaltigung ist. Dieses hat eine lange sexistische geschichte. So ist zum Beispiel erst 1997 nach langer Diskussion Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe gestellt worden. Der letzte Fall eines skandalösen Freispruches, der für großes öffentliches Aufsehen sorgte, war der Prozess von Gina-Lisa Lohfink. Hier wurde die Klägerin schlussendlich zur Verurteilten. Darüber, wie Vergewaltigungen Aussehen, gibt es viele falsche Vorstellungen, die bis in Gerichtsurteile (und offizielle Politik) hineinwirken.

Der Begriff und Grundsatz der Definitionsmacht wird teilweise bezogen auf andere Diskriminierungsverhältnisse benutzt. Allerdings geht es dabei eher um die Benennung ausgeübter Diskriminierung, ohne dass entsprechende Netzwerke und Regelwerke dahinter stehen. Diese Benutzung ist von dem feststehenden Begriff „DefMa“ abzugrenzen, was Amelung leider versäumt. Dann wird z.B. davon ausgegangen, dass von Rassismus betroffene Personen am ehesten einschätzen können, dass grade Rassistisches passiert, während die diskriminierende Person oft kein Interesse daran hat, dass ihr Rassismus als solcher benannt wird. So gibt es z.B. in deutschsprachigen Länern immer wieder erhitzte Debatten darüber, ob das N-Wort rassistisch sei, obwohl die kolonialrassistische geschichte des begriffs eigentlich jede_r bekannt sein müsste und es sogar in Deutschland ein einschlägiges Gerichtsurteil gibt, das besagt, dass jemand, der es verwendet, Rassist_in genannt werden darf. Vor diesem Hintergrund ist es fast unglaublich, mit welcher Selbstverständlichkeit viele deutschsprachige weiße Menschen an der benutzung des N-Wortes festhalten.
Ähnliche Diskurse um Definitionsmacht gibt es in der queerfeministischen trans-aktivistischen Szene – dass eine von Transfeindlichkeit betroffene Person am ehesten Expert_in dafür ist, dass sie grade Transfeinlichkeit erlebt hat. Auch dies mit dem Ziel, gesellschaftliche Machtverhältnisse zugunsten der betroffenen Personen zu verschieben und den Diskriminierenden die Definitionsmacht zu entreißen. Und auch dies vor derm Hintergrund alltäglicher Diskriminierung grade von trans Frauen, die zu benennen auf ein wenig lernbereites Publikum trifft.

Paradebeispiel hierfür ist der sogenannte radikalfeministische Blog „Störenfriedas“. Dieser reagiert auf Kritik an Offensichtlichem, indem sie einfach wegdefiniert wird. Kritische Kommentare dazu werden nicht freigeschaltet, selbst wenn sie sachlich gehalten werden. Dabei ist die Autor_innenschaft dieses Blogs sogar so transfeindlich, dass eigens in einem Artikel begründet werden muss, warum die Serie Sense8 kein trans-Aktivismus ist und es deswegen total ok ist, sie gut zu finden.

Dabei geben die Störenfriedas keine Einzelmeinungen wieder, sondern sind Teil und Aktualisierung einer breitem transfeindlichen feministischen Strömung. Es gibt personelle und ideologische Überschneidungen mit der bekannten konservativ-feministischen Zeitschrift EMMA. Daraus ergeben sich grade für trans Frauen gravierende Konsequenzen, die im Ausschluss aus feministischen Strukturen (von Kneipenabenden über Beratungsstellen und Selbstverteidigungskurse bis hin zu Frauenhäuser) resultieren. Angesichts der Tatsache, dass trans Menschen im hohen Maße diskriminierung und Gewalt ausgesetzt sind, eine sicher im wahrsten Sinne des Wortes fatale Politik.

Trotzdem oder grade deswegen ist es immer wieder notwendig, Gegenwehr und emanzipative Praxis der Kritik zu unterziehen. Dass diese meistens nicht mit Applaus gefeiert wird, gehört leider dazu. Umso verdienstvoller ist es vielleicht, sich dessen anzunehmen. Einen solchen Versuch stellt Amelungs „Hexenjagd“-Essay dar.

Verkehrte Verhältnisse?

Bereits der Titel von Amelungs Essay lässt jedoch Zweifel aufkommen, ob er dem Thema gerecht werden kann. Der Vergleich von Gegenwehr gegen diskriminierende und gewaltvolle gesellschaftliche Strukturen mit einer „Hexenjagd“ verkehrt gesellschaftliche Machtverhältnisse. Die Hexenverfolgung war eine gesellschaftlich institutionalisierte gewaltvolle Praxis der Frühen Neuzeit, der vor allem Frauen mit medizinischem Wissen und Angehörige unliebsamer religiöser Gruppen, zum Opfer fielen. Dahinter steckte knallhartes Machtkalkül der katholischen Kirche. Diskriminierende jedoch verstoßen meist nicht gegen herrschenden Konsens, sondern sie handeln einvernehmlich mit gesellschaftlicher Mehrheit. Kleine linke und feministische Szenen mögen hier Ausnahmen bilden, dies ändert jedoch nichts am Gesamtbild.

Außerdem reproduziert der Titel klare Vorstellungen von Täter/Opferrollen, nur werden diese umgekehrt. Dies erscheint reißerisch und gerade wenig differenziert.
Jedoch bleibt die Hoffnung, dass der Rest des Textes einhält, was der Titel nicht zu versprechen vermag.

Once Upon A Time in Göttingen

Am Anfang von Amelungs Aufsatz wird ein Bedrohungsszenario gezeichnet. Jemand gerät aufgrund einer unabsichtlichen, scheinbar unbedeutenden diskriminierenden Handlung in eine bedrohliche Situation, in der letzten Endes ihre gesamte Existenz inklusive beruflicher Laufbahn auf dem Spiel steht. Die diskriminierte Person und ihr Unterstützer_innenkreis werden zur mobbenden Horde, während die diskriminierende Person Heidi und ihr Kumpel Horst in die Opferposition geraten : „… was wiederum Heidi und Horst in einer erdrückenden Hilflosigkeit und Ohnmacht zurücklässt, die nicht selten den Alltag zumindest für eine Zeit unerträglich werden lässt.“

Zusätzlich schildert Amelung Ereignisse aus der studentisch geprägten Stadt Göttingen, deren Auslöser im Unklaren bleiben. Ebendies wird vom Autor kritisiert: „Da ich wusste, dass dieses Mitglied auch zu dem großen Netzwerk von Mobber_innen (…) gehörte, traute ich mich nicht mehr, nach den Gründen zu fragen. Dabei wäre es eigentlich wichtig, nach den Gründen zu fragen. Diese vorauseilende Unterwerfung unter das Veto beschämt mich letztlich bis heute.“

Als mächtig werden hier diejenigen wahrgenommen, die sich auf Definitionsmacht berufen – die Frage nach gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und der Notwendigkeit einer alternativen Praxis stellt sich gar nicht erst.

Theoretische Werkzeuge

Zur Deutung der konstruierten beziehungsweise geschilderten Vorkommnisse beruft sich Amelung auf Justus Wertmüllers und Uli Krugs Text „Infantile Inquisition “. Dieser erschien 2000 in der Zeitschrift Bahamas und versuchte damals, aus antideutscher Perspektive in Debatten über Definitionsmacht einzugreifen. Er wurde dabei zum antifeministischen Standard-Werk. Dieses wiederum beruft sich auf noch ältere Literatur. Einerseits konstatieren Wertmüller und Krug, der von Simone de Beauvoir in „das andere Geschlecht“ 1949 beschriebene sexistische Normalzustand sei längst Geschichte, da sich die gesellschaftlichen Verhältnisse seit jener Zeit gewandelt hätten. Andererseits versuchen sie, mit Freud und Adorno, um 2000 aktuelle linke Debatten zu analysieren. Fazit des Textes: „Der ganze Jammer des Geschlechter- und Liebeskrieges – auch unter Gleichgeschlechtlichen – bleibt verborgen, ja wird entsorgt durch eine Haltet-den-Dieb-Rhetorik, die im als „Vergewaltigung“ rubrizierten „Lust-Machen“ das Böse schlechthin sieht und eine Gemeinschaft der Unbefriedigten geschmiedet, die im „Täter“-jagenden Halali sich einigt.“

Sowohl den reißerischen Titel, als auch den Blickwinkel, welcher so um das Wohl der Täter_innen besorgt ist, dass Betroffene und ihre Unterstützer_innen nur noch als pathologisiert („Hysterie“!) und „infantilisiert“ zurückbleiben können, scheint Amelung hier übernommen zu haben.

So weit, so „differenziert“. Hinzu werden „Les Madeleines“ gerufen, eine ebenfalls definitionsmachtkritische Gruppe, welche um dieselbe Zeitspanne herum operierte. Diese argumentieren etwas weniger verschwurbelt und mehr am Interesse der betroffenen Person orientiert als Krug und Wertmüller im Bemühen um eine feministische Perspektive. Jedoch wird aus ihren Texten nichts verwendet, was über den Horizont von Wertmüller und Krug hinausgeht.

Seitdem sind noch weitere definitionmachtkritische Texte veröffentlicht worden, wie beispielsweise von den E-Vibes. Über deren Text von 2014 kann man sich streiten, er ist jedoch getragen von dem Wunsch, emanzipatorische Praxis voranzubringen und dabei gesellschaftliche Machtverhältnisse mitzudenken. Jedoch kommt er bei Amelung nicht vor.

„Es sollte hoffentlich selbsterklärend sein, dass ein Bewegungsmitglied potenziell reflexionsbereit ist – im Gegensatz zu Frau von Storch.“

In meiner Erfahrung eskalieren Konflikte um diskriminierende Äußerungen häufig deswegen, weil die diskriminierende Person nicht einsehen will, dass sie einen Fehler gemacht hat. Anstatt sich zu entschuldigen oder wenigstens einen Erkenntnisgewinn anzustreben, versteigen sich Menschen, an denen Kritik geübt wurde, häufig in die absurdesten Manöver, um der Tatsache aus dem Weg zu gehen, dass sie die Grenzen einer andere Person verletzt haben. Dazu gehören oft weitere verletzende Äußerungen. Die diskriminierte Person sei verrückt, verblendet, zu empfindlich, humorlos, ideologisch etc. In einem Fall wurde von einem taktil übergriffigen Typ sogar ein Psychiater für die betroffene Person empfohlen. In einem anderen Fall wurde eine Person, die den übergriffigen Typ ansprach, selbst aufs sexistischste beleidigt. So kommt es in vielen Fällen zum (vorrübergehenden) Ausschluss der munter vor sich hin eskalierenden Person, obwohl am Anfang lediglich ein vertrauliches Gespräch zwischen zwei Augen angestrebt war mit der Bitte, das verletzende Verhalten nicht zu wiederholen.

Diese Problematik wird von Amelung jedoch mit keinem Wort bedacht, sondern die Eskalation wird lediglich auf Seiten des queerfeministischen Mobs verortet. Dass es anders sein könnte, kommt ihm gar nicht in den Sinn: „Es sollte hoffentlich selbsterklärend sein, dass ein Bewegungsmitglied potenziell reflexionsbereit ist – im Gegensatz zu Frau von Storch.“ Die als „Menschenjagd“ (Krug und Wertmüller) betreibend dargestellten Aktivist_innen werden darüber hinaus noch mit den Worten geschmäht: „Sofern man überhaupt noch von intellektuell sprechen kann – die geschilderten Vorgehensweisen weisen höchstens auf Geistesgaben im Blockwartniveau hin.“ So als sei Denunziation und Aufrechterhaltung völkischer Ordnung das Einzige, das diese Aktivist_innen im Sinn hätten.

Diese Darstellung als differenziert und ausgewogen zu beurteilen, spricht für sich.

Zur Sachlichkeit 1

Die Neutralität der Wissenschaft ist ein weiteres Herzensanliegen Till Amelungs. Diese sieht er vor allem durch Gender Studies in Gefahr: „Um die Gender Studies und Judith Butlers Werk Gender Trouble herum haben sich studentisch geprägte queerfeministisch-linke Subkulturen entwickelt, in deren Augen Wissenschaft mit gesellschaftspolitischem Anliegen betrieben werden muss“. Till Amelung tut so, als wäre interessensgeleitete Forschung eine Erfindung der Gender Studies. Dabei wird diesen von feministischer Seite oft vorgeworfen, machtunkritisch und unpolitisch zu sein. Das von ihm entworfene Bild von Gender Studies erscheint wenig tiefenscharf. Wissenschaftskritische Diskussionen der letzten Jahrzehnte scheint Amelung ignoriert zu haben, was schade ist, da sie eventuell zum Thema hätten beitragen können.

Wer differenzierte Kritik übt und sich kritisch mit darauf basierenden politischen Praxen auseinandersetzt, wird, so meine Erfahrungen, geschmäht und wie ein bösartiger Tumor mittels sozialer Isolation herausoperiert.
Angesichts obiger Rückbezüge auf die „Infantile Inquisition“ stellt sich eventuell nur rhetorisch die Frage, welche Kritik Amelung als differenziert erachtet.

Amelung erwähnt nur kurz, welchem gesellschaftlichen Druck Gender Studies von rechter Seite ausgesetzt sind. Dies dient jedoch lediglich der Feststellung, man müsse dort offen für Kritik sein, da es „sonst an intellektuell wirksamen Auseinandersetzungen“ mit diesen Kräften fehle.

Jedoch rührt er selbst keinen Handschlag, um den erwähnten Wissenschaftler_innen beizuspringen. Solidarische und differenzierte Kritik sähe – auch hier – anders aus.

Zur Sachlichkeit 2

Neben den interessensgeleiteten Gender Studies sind Till Amelung unsachliche Studierende und politische Aktivist_innen ein Dorn im Auge. Bereits das Fordern von Triggerwarnungen (über die man durchaus auch aus feministischer Perspektive geteilter Meinung sein kann) wird von ihm als „totalitär“ ausgelegt. Generell haben persönliche Betroffenheit und die dazugehörigen Menschen weder in der Politik noch in der Wissenschaft etwas zu suchen.

„Die Aufarbeitung des persönlichen Leidens gehört daher vielmehr in eine Selbsthilfegruppe oder in eine Therapie.“ Er verfügt, „(…) dass Betroffene von Traumatisierungen zunächst ein ausreichendes Stress- und Selbstmanagement erlernen sollten, bevor sie sich politisch betätigen (…) Die Wunden sollten, wie von Luise Reddemann empfohlen, gepflegt werden, bevor am großen politischen oder akademischen Rad gedreht wird.“

Nun stellt sich die Frage, wer hier eigentlich „Infantilisierung“ betreibt. Die Sprachfigur, die Amelung benutzt legt nahe, dass er Bevormundung erwachsener Menschen durchaus in Ordnung findet, sobald er sie über ihre Erfahrungen pathologisieren kann. Raus also mit Betroffenen aus der Gesellschaft! Aber wer bestimmt, wann ausreichend therapiert wurde? Vieleicht kann hier der „Genderexperte“ weiterhelfen.

Antifeministisch mutet dabei auch die Aussonderung von Gefühlen aus politischen Kontexten an.

Schwer Persönlichkeitsgestört, also unmündig?

Besonders perfide ist diese Pathologisierung von Erfahrungen im Hinblick auf trans Personen deswegen, weil diese schon von Haus aus gewohnheitsmäßig pathologisiert werden. Will man in Deutschland als trans Person medizinische Behandlung, eine Namens- und Personenstandsänderung erreichen, muss man sich in die Hand von psychologisch geschultem Fachpersonal begeben. Unumgänglich ist dabei die Diagnose „Transsexualismus“, eine „Störung der Geschlechtsidentität“, die zu den Persönlichkeitsstörungen gehört.

Um geschlechtsangleichende medizinische Behandlung zu erhalten, sind über einen gewissen Zeitraum sogenannte Begleittherapien vorgeschrieben. Diese Begleittherapien werden von vielen Betroffenen als Zwangstherapie wahrgenommen. Dies wird seit langem von Betroffenenverbänden und Alliierten kritisiert. Für die Namensänderung muss die Person zusätzlich mit zwei Gutachter_innen sprechen, die diese gegebenenfalls vorher nicht kennt und die häufig intrusive Fragen stellen. Oder aber die_der bekannte Therapeut_in wird zu_m Gutachter_, und somit tritt eine zusätzliche, eventuell sich ungünstig auswirkende Machtebene in das therapeutische Verhältnis ein.

Nichtbinäre Personen müssen dabei binäre Geschlechtsidentitäten (Mann oder Frau) vorgeben, um nicht von vorne herein aus dem Muster zu fallen. Denn sie zu behandeln, ja ihre Existenz ist in Deutschland nicht vorgesehen. Auch dies stellt oft im Therapie-Setting eine hohe Belastung da und trägt nicht dazu bei, solche Räume als Vertrauensorte zu etablieren.

Vor diesem Hintergrund zu erwarten, dass grade Betroffene von Transfeindlichkeit Therapie als eine heilsame Alternative zu politischer Arbeit oder wissenschaftlicher Betätigung sehen, ist im Besten Falle verpeilt. Diese erleben Therapie häufig als eine Gratwanderung, bei der es darauf ankommt, genügend Leidensdruck zu zeigen, um eine medizinische Behandlung zu ermöglichen, dabei aber psychisch stabil zu erscheinen.

Für viele muss gerade in dieser kritischen Zeit die Versorgung seelischer Wunden zurückstehen, damit lebensverbessernde und oft lebensrettende Maßnahmen passieren können. Dies alles sollte Amelung bewußt sein. Er lässt jedoch mit keinem Wort vermuten, dass er diese Zusammenhänge kennt. Dieses Verhalten ist im höchsten Maße unsolidarisch und weißt gerade nicht das im Verlagstext beschworene Selbstbewußtsein aus. Vielmehr wird ein Selbstwertgefühl vorgespielt, das von der Abspaltung vermeintlich schwächerer Teile der Szene oder der eigenen Biographie lebt.

Da kann man nichts machen!

Gespickt ist Amelungs Absage an das Bemühen um mehr Gerechtigkeit bereits vor der Therapie mit vielerlei bedauernden Worten:

„Es ist eine nicht auflösbare Tragödie, dass individueller Schmerz, der sich aus der persönlichen Betroffenheit von Verletzungen aufgrund struktureller Marginalisierung speist, niemals vom sozialen Kollektiv angemessen aufgefangen werden kann. Dem subjektiven Empfinden in all seinen Regungen kann diese Gesellschaft niemals vollständig gerecht werden.“

Dies ist geradezu eine Absage an politisches Handeln. Das Leben ist kein Pony-Hof, die Alternativen sind deutsche Härte oder totale Entgrenzung, es gibt nur an oder aus, keine Zwischentöne und kein politisches Handeln, das für ein besseres Hier und Jetzt für die Betroffenen streiten kann. Bei solchen Prämissen kann das Projekt, Definitionsmacht kritisch zu hinterfragen, nur scheitern. Differenziert ist das nicht. Die Frage, mit wem man sich wofür mit Amelung verbünden sollte, bleibt ebenso unbeantwortet. Lediglich werden jene Verbündete aufgerufen, „verhältnismäßigen Umgang auch von den Marginalisierten einzufordern.“

Insgesamt scheinen die autoritären Sehnsüchte, die Patsy L‘Amour LaLove im Titel des Sammelbands beschwört, auch bei zumindest diesem Mitautor eine nicht geringe Rolle zu spielen. Gegen die ihm Angst machende queerfeministische Weltverschwörung wünscht er sich den Rechtsstaat und vor allem das psychotherapeutische Expert_innentum herbei. Es stellt sich die Frage, inwiefern sein pathologisierender Ansatz rechten Tendenzen etwas für die queere Szene entgegen setzen kann, oder ob er diesen vielmehr in die Hände spielt. Wer den rechten Backlash nur benutzt, um Marginalisierte zu maßregeln, hat nicht verstanden, wie dieser operiert.

Da hilft es auch nicht, dass Amelung einen offenen Brief oben erwähnter Störenfriedas unterzeichnet hat und dadurch ihre politische Agenda legitimiert. Oder dass er an anderer Stelle queere Aktivist_innen als „Trolle“ verunglimpft und ihnen dadurch ihre Agenda nimmt.

Es bleibt nur zu hoffen, dass nach Amelung andere kommen, die die von ihm gestellten Fragen weiter denken und dabei gesellschaftliche Machtverhältnisse nicht aus dem Blick verlieren. Denn mit einem hat er recht: Emanzipatorische Praxis braucht Kritik. Jedoch sollte diese das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Definitionmacht entscheidet erstmal über die (Un)Sichtbarmachung von Diskriminierungen. Wem sie überlassen wird und wie damit weiter zu verfahren ist, sollte Gegenstand weiterer Diskussionen sein, die Differenziertheit nicht nur antäuschen. Aus feministischer Perspektive sollten die Interessen der betroffenen Personen und die Vermittlung von Inhalten nach außen dabei nicht gegeneinander ausgespielt werden. Die Verbindung von beidem macht gerade gute Politik aus.

Wie Amelung selbst mit Gegenwind umgeht, zeigt sich übrigens auf seiner öffentlichen Facebook-Seite (Stand 9.4.2017). Dort vergleicht er sich mit einer Frau mit Kopftuch, die zufällig an einem Terroranschlag vorrüberlief und deswegen Ziel rassistischer Attacken wurde. Kritiker_innen bezeichnet er als „inkompetente, feige und manipulative Subjekte“, ruft aber im gleichen Atemzug dazu auf, „besonnen und fair“ auf Verletzungen zu reagieren.

Mit Adorno möchte man ihm sagen: „Die beste Tendenz ist falsch, wenn sie die Haltung nicht vormacht, in der man ihr nachzukommen hat.


4 Antworten auf „Von Ohnmacht und Hexenjagden – Till Amelungs kritische Auseinandersetzung mit Definitionsmacht“


  1. 1 katja 10. April 2017 um 12:57 Uhr

    „Zwischen den schicken Pinken (sic!) Buchdeckeln“

    Die sind eindeutig lila.

  2. 2 frrriction 10. April 2017 um 19:35 Uhr

    Leider habe ich das Buch nur in digitaler Form vorliegen. Am Bildschirm wirkt es auf mich pink. Würdest du sagen, dass „Selbsthass und Emanzipation“ auch lila ist?

  3. 3 Tove 28. April 2017 um 15:33 Uhr

    Das Zitat am Ende ist nicht von Adorno, sondern Walter Benjamin. Danke für den ausführlichen Text!

  4. 4 frrriction 07. Juni 2017 um 10:40 Uhr

    Upsi. Das ist korrekt. Danke dir für den Hinweis!

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